Kurzdarstellung des Konzeptes

Lernen heißt lebendig sein

Das Konzept der PrinzHöfte-Schule Bassum erfüllt in Theorie und Praxis alle Merkmale, die erforderlich sind, die PrinzHöfte-Pädagogik als eigenständige reformpädagogische Richtung zu etablieren. Die PrinzHöfte-Pädagogik verknüpft freinetpädagogische (Freinet, 1981) und systemische Theorie (insbes. Maturana, 1982) und Praxis mit selbst entwickelten Anteilen, wie der Ökologie des Lernens. Vier Punkte mit wesentlichen Merkmalen des systemischen Denkens seien hier ausdrücklich erwähnt und werden im Folgenden inhaltlich kurz erläutet:

  • Ökologie des Lernens als struktureller Lehrplan
  • Systemische Erkenntnisse auf der Grundlage der Theorie der Autopoiese (Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems) als menschenfreundliche, ethische Kriterien formuliert
  • Fantasie und Kreativität als alle Lernprozesse begleitende Momente
  • Einbindung der Schule in reale Lebenszusammenhänge (situiertes Lernen) 

Ökologie des Lernens

Ökologische Systeme zeichnen sich durch lebensfreundliche Charaktermerkmale aus, die unter der Überschrift „Selbstorganisation“ zusammenzufassen sind (vgl. Schiepek, 1999; Tschacher, 1997; Maturana & Varela, 1990). Kriterien für lebensfreundliche Systeme mit dem Oberbegriff „Selbstorganisation“ sind

 

  • Eigendynamik
  • Flexibilität
  • Rückkopplung
  • Vielfalt
  • Begrenzung
  • Durchlässigkeit
  • Vernetzung
  • Wechselwirkungen
  • Kooperation


Selbstorganisation ist das leitende Kriterium für die Planung und Gestaltung der Lernorte. Lebensfreundliche Strukturmerkmale bilden die Hintergrundfolie der Lernprozesse und Erfahrungen. So besteht die Möglichkeit, dass Menschen, die in diesen Zusammenhängen leben, eine innere Haltung bzw. Intuition ausbilden, die geprägt ist durch lebensfreundliche Charaktermerkmale. Daran ist die Hoffnung geknüpft, in diesen Menschen bilde sich eine Art ökologischer Hintergrundfolie des Denkens und Fühlens aus, die ständig präsent ist. Weil sie sich auf die grundlegenden Strukturen bezieht, in denen gelernt wird, und nicht auf konkrete Lernziele, sprechen wir von ihr als strukturellen Lernplan.

 

Lebensfreundliche Systeme, die mit Menschen und durch Menschen mitgestaltet wurden, beinhalten kein Recht des/der Stärkeren, sondern eine freie und kompetente Sozialstruktur, die ein Recht auf Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Verantwortung, Geborgenheit, Stabilität, Fürsorge und Selbstverantwortung in Freiräumen ermöglicht. Im Sinne des Konzeptes sollen Ziele wie das Praktizieren eines demokratischen und gleichberechtigten Verhaltens und das Entwickeln eines Verständnisses für eine Gesellschaft mit ethnischer und kultureller Vielfalt und deren konstruktiver, produktiver Bedeutung für zwischenmenschliche Beziehungen erreicht und verwirklicht werden.

Systemische Erkenntnisse

„Jedes rationale System ist emotional begründet“ (Humberto Maturana, 1990). Diese Schlussfolgerung von Maturana ist einer der grundlegendsten Erkenntnisse systemischer Betrachtung. Als wichtige Grundemotionen sind zunächst zu nennen: Liebe und Zuneigung, Verpflichtung, Selbstverleugnung, Hass und Angst.

 

Aus Liebe und Zuneigung erwachsen soziale Systeme. Da wir an unserer Schule den einzelnen Menschen sehen, an seiner Entwicklung interessiert sind und die sozialen Verhaltensweisen jedes Einzelnen und der ganzen Gruppe die Grundlage unseres pädagogischen Handelns sind, haben wir uns  entschieden, dass die Grundemotionen Liebe und Zuneigung unsere Schule bestimmen und tragen sollen. Aktuelle Bindungstheoretische Ansätze zum Zusammenhang von Emotionen und Lernen unterstützen diese Entscheidung (z.B. Grossmann & Grossmann, 2006). Der Gestaltung einer positiven Qualität der Beziehungen unter den SchülerInnen sowie zwischen SchülerInnen und PädagogInnen wird deshalb im Rahmen des Schulalltags ein besonderer Stellenwert beigemessen. Dies zeigt sich bspw. im gleichberechtigten Miteinander von SchülerInnen und PädagogInnen in den Morgen- sowie den Schulversammlungen, dem hohen Augenmerk auf die Qualität von Kommunikationsstrukturen, einer allgegenwärtigen Streitschlichterkultur usw. (ausf. dazu 'Pädagogik').  Eine Ermöglichungsbedingung positiver Beziehungsqualitäten liegt aber vor allem auch darin, dass die Schule über einen erweiterten Betreuungsschlüssel (Arbeit im Teamteaching in den Kernzeiten aller Lerngruppen) Zeit zur Hinwendung der PädagogInnen zu einzelnen SchülerInnen systematisch gewährt. Weiter tragen im Schulalltag verankerte offene Lernstrukturen (offene Lernzeiten, Kleingruppenarbeit, Helferzeiten, Projektarbeit usw.) dazu bei, dass SchülerInnen sich sowohl untereinander als auch den PädagogInnen im gemeinsamen Arbeiten an Themen begegnen und sich gegenseitig unterstützen. Auf dieser positiven emotionalen Basis können sich lebensfreundliche Systeme im systemtheoretischen Sinne weiterentwickeln.

 

Ein weiterer Aspekt, der sich aus systemischen Überlegungen ableiten lässt ist, dass unsere Schule das Denken in Handlungsprozessen fördern möchte. In der Prozessorientierung unserer pädagogischen Arbeit kommt es mehr auf die Qualitäten während einer Arbeit und die gewonnenen Erkenntnisse an, als auf das Ergebnis.

 

Prozessorientierung im Rahmen unserer pädagogischen Arbeit fordert und fördert folgende Grundqualifikationen:

 

  • Hypothesenbildung,
  • Logisch – folgerichtiges Denken,
  • Neuorientierungen bei neuen Situationen,
  • Die Beteiligungen der SchülerInnen,
  • Neugierverhalten und Exploration,
  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten,
  • Lernen als Gruppenprozess,

und viele andere mehr.

Fantasie und Kreativität

Es ist unser erklärtes Ziel, unsere Schule so weiter zu entwickeln, dass die Pflege von Kreativität und Fantasie Hauptfächer sind. Dazu bedarf es der Prozessorientierung und als weitere Bedingung Orte der Freiheit, in denen Menschen ihre Fähigkeiten erweitern und erproben können. In der Freinetpädagogik ermöglicht der „Freie Ausdruck“ den Menschen eigene Ideen, Vorstellungen, Erfahrungen und eigenes Wissen nicht nur kognitiv zu bewältigen, sondern in Schrift, mit Tanz, Malerei und Musik, in Meditation und körperlicher Aktion, sowie im Spiel zu äußern. Im Rahmen einer zeitgemäßen Schulbildung geht es darüber hinaus nicht mehr vorrangig darum, vorherbestimmtes Wissen zu erwerben, sondern neben dem Erwerb basaler Kulturtechniken darum, die Fähigkeit zu erlangen, sich Wissen verfügbar zu machen, welches in der jeweiligen Situation benötigt wird. Es kommt darauf an, Wissen zu sortieren und eine Vielzahl von Wegen kennen zu lernen, über die sich das Wissen beziehen lässt, um es zu erwerben.

Einbindung der Schule in reale Lebenszusammenhänge

- Schule auf Reisen

Wir möchten, dass unsere SchülerInnen auf Reisen komplexe Erfahrungen sammeln, die ihnen im Schulalltag nicht möglich wären. Diese großen Reisen verbinden wir mit dem Erlernen der Fremdsprachen, der entsprechenden Kultur des Landes, seiner Kunst und Musik und vor allem der Begegnung mit den Menschen. Uns geht es darum, dass die Jugendlichen herausgefordert werden, durch die Unsicherheiten, die eine solche Reise mit sich bringt, zu gehen, sich selbst besser kennenzulernen und so an innerer Stärke zu gewinnen. Es werden ausgewählte Orte bereist, an denen die SchülerInnen gruppendynamische Prozesse durchlaufen und sowohl naturwissenschaftliche als auch kulturelle Erfahrungen sammeln können.

- Schülerfirmen

In der Schule sind in der Vergangenheit auch Schülerfirmen entstanden um beruflicher Orientierung Raum zu geben. So gab es einen Bücherladen, eine Fahrradwerkstatt und eine Mosaik-Kunstgruppe.  Diese Tradition wollen wir ausbauen und zeitgemäß weiterentwickeln. Dazu arbeiten wir unter anderem mit dem ,Network for teaching entrepreneurship‘ (NFTE) und mit wohnortnahen Firmen zusammen.

- Elternprojekte

Über Elternprojekte gewinnen die SchülerInnen Einblick in verschiedene Berufs- und Praxisfelder, so bspw. in die Arbeit des Imkerns oder in die Pflege des Waldes beim Schützen von Ameisenhügeln in Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Förster.

Heterogenität als Programm

Die PrinzHöfte-Schule Bassum setzt sich zum Ziel, die Einzigartigkeit einer Person zu achten und zu würdigen. Wir wollen eben nicht nur eine Schule sein, in der jede/r SchülerIn, egal, welche Voraussetzungen sie/er mitbringt sich aufgehoben, ernst genommen und wohl fühlt, sondern in dem jede/r mit seinen/ihren Voraussetzungen und seiner/ihrer Persönlichkeit, wie auch immer sie sich präsentiert, teilnehmen kann.

 

Dieses bedeutet auch, dass Heterogenität bei uns nicht nur erwünscht, sondern regelrecht Programm ist. Somit ist auch Inklusion für uns nichts Neues und damit auch „kein Thema“, denn unsere Philosophie sieht im Anders-Sein von Allen einen einzigartigen Wert, den es nicht nur zu erhalten, sondern zu verteidigen und zu fördern gilt. So ist die Schülerschaft der PrinzHöfte-Schule Bassum denn auch von ihrer Zusammensetzung her bunt gemischt: Viele Eltern bringen ihre Kinder schon zur Einschulung zu unserer Schule, da sie das pädagogische Konzept der Schule würdigen. Aber natürlich zieht eine solche Schule auch vermehrt Kinder an, die im Regelschulsystem „angeeckt“ sind und ihre Begabungen unter den dort noch häufig anzutreffenden Zwängen nicht zu entwickeln vermögen. Schließlich freut sich die Schule auch, einige Kinder mit Förderbedarf bei sich haben zu dürfen, die in den individualisierten Lernstrukturen und dem besonderen Augenmerk auf die Gestaltung einer positiven Beziehungsqualität gute Bedingungen vorfinden.

 

Neben der im Schulkonzept skizzierten Offenheit für Heterogenität sind auch die materialen Rahmenbedingungen, eine Schule für alle sein zu können, in wesentlichen Punkten geschaffen, denn die wichtigsten Teile der Schulgebäude sind behindertengerecht ausgestattet. Auf personeller Ebene verfügt die Schule über sonderpädagogische Kompetenz, MitarbeiterInnen im Rahmen des „Freiwilligen Ökologischen Jahres“ sowie Schulassistenzen für Kinder mit besonderem Förderbedarf ermöglichen weitere Hinwendung zu individuellen Bedarfen.